Taktik und Strategie

Je nach Leistungsklasse und –stand haben sich im Indoor-Volleyball diverse Strategien und Taktiken bewährt, wie eine Mannschaft auf die jeweils andere im Spiel reagieren kann. Dabei ist es grundsätzlich einfacher als bei anderen Sportarten, darauf zu reagieren und seine Taktik zu ändern, denn jede Mannschaft hat mindestens 2 Auszeiten pro Satz und kann auch durch Auswechslungen entsprechend die Taktik/Strategie ändern. Ob diese etwas im Spiel bewirken, sei erst einmal dahin gestellt. Jede Taktik kann zum Erfolg führen und es gibt keine, die der anderen immer überlegen ist. Taktik und Strategie unterscheiden sich nur hinsichtlich ihres Zeithorizontes, d.h., dass Taktik immer kurz- oder mittelfristiger Natur ist (pro Spielzug, pro gewisse Anzahl an Punkten, pro Satz), während die Strategie langfristig ausgerichtet ist (je nach Gegner, Spielort, pro Satz oder gar Spiel).

Ganz grob unterteilt kann man Taktik und Strategien (T&S) in defensive und offensive Ausrichtungen, sowie eingesetzte Spielsysteme und Sonstige T&S einteilen:

  1. Defensive Ausrichtungen

    Defensive T&S beziehen sich hauptsächlich auf die Abwehr des gegnerischen Angriffs. Zu ihr zählen der Einsatz von spezialisierten Spielern auf den Hinterfeldpositionen 1, 6 und 5, aber auch der Einsatz von nur defensiv ausgerichteten Spielern wie dem Libero. Man unterscheidet zudem den Spielaufbau mit „hängender“ oder „vorgezogener“ Position 6, was so viel heißt, dass entweder der Spieler auf der Position 6 sich bei der Annahme sehr weit zurückzieht oder die Nähe zum Netz sucht. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile, auf die hier aber erst zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen wird. Auch der Einsatz des Blockes zur Abwehr von direkten Angriffen ist eine defensive T&S, die sehr unterschiedlich interpretiert werden kann: blockt man mit 1, 2 oder gar 3 Spielern am Netz? Verzichtet man bei bestimmten Spielern/innen auf den Block? Blockt man nach Innen diagonal oder frontal? Sichert man den eigenen Block wie auch den eigenen Angriff durch eine Blocksicherung/Angriffssicherung zusätzlich mit ab? Wie soll die Mannschaft bei eigenem Block stehen? Blocken nur spezialisierte Spieler wie der sogenannte Mittelblocker? Nehmen nur die besten Abwehrspieler den Ball an? Dies sind alles Fragen, die zwar vor Spielbeginn durch den Trainer durchdacht und entsprechend sich in der Aufstellung wiederfinden, im Spielgeschehen aber sehr genau analysiert und entsprechend reagiert werden sollten.

  2. Offensive Ausrichtungen
    Offensive T&S betreffen den Spielaufbau bei Balleroberung, sowie den Einsatz von spezialisierten Spielern im Angriff. Grundsätzlich dürfen alle Spieler einer Mannschaft angreifen. Allerdings macht das nicht immer Sinn. Am vielversprechendsten ist ein Angriff über die dem Netz am nächsten zugewandten Spieler, also den Positionen 2, 3 und 4. Nur die Vorderspieler dürfen auch aus dem Vorderfeld angreifen, indem sie den Ball oberhalb der Netzkante spielen. Aus dem Hinterfeld ist ein Angriff, der oberhalb der Netzkante gespielt wird, nur zulässig, wenn der Spieler noch aus seiner Hinterfeldzone heraus abgesprungen ist. Dadurch ist es auch zulässig, dass die beiden Steller nach einer erfolgten Angabe eines Balles die Positionen tauschen und somit ihm (dem neuen Steller) 3 Angreifer aus dem Vorderfeld als Auswahl zur Verfügung stehen. Grundsätzlich kann ein Spiel natürlich auch schneller oder langsamer gestaltet werden, indem die Angabe / das Zuspiel schnell und kurz ausgeführt wird. Die Angreifer wie auch dem Zuspieler kommen dabei besondere Aufgaben zu, denn sie müssen nicht nur das Stellungsspiel des gegnerischen Blockes im Auge behalten, sondern auch mit Finten und geschickten Zuspielen darauf reagieren. Im Idealfall sieht es kurz vor dem Zuspiel des Stellers so aus, als ob jeder der übrigen Mitspieler angreifen will und erst beim Zuspiel wird klar, dass man entweder sich für den richtigen Block entschieden hat oder vollkommen daneben lag.

  3. Sonstige taktische Einflüsse

    Die Trainer und Spielführer sind angehalten, Auszeiten zu nehmen und Spieler bei Bedarf auszuwechseln. Alleine schon das kann im richtigen Moment den Gegner verwirren, die eigene Mannschaft wieder aufbauen oder zumindest eine dringend benötigte Verschnaufpause für Körper und Geist herbeizuführen. Im normalen Spielbetrieb gibt es pro Satz 2 (taktische) Auszeiten von je 30 Sekunden Länge für jede Mannschaft zur freien Verfügung und zudem dürfen 6 Spieler ausgewechselt werden. Im Profivolleyball und bei internationalen Volleyballbegegnungen gibt es zudem noch technische Auszeiten von 60 Sekunden Länge, die automatisch nach 8 bzw. 16 erreichten Punkten in Kraft treten. Diese Art von Auszeiten ist vor allem auf die Fernsehübertragungen und deren Bedürfnis nach Werbung zurückzuführen.

    Auch die Zuschauer können einen nicht unerheblichen Anteil an der Taktik des eigenen Teams ausüben. Durch geschicktes Anfeuern können der Gegner beeinflusst und die eigene Mannschaft regelrecht „gepusht“ werden, was wie einem 7. Mann auf dem Spielfeld nahe kommt. Die eigene Mannschaft kann dies zwar in gewissem Maße auch nutzen, um sich selbst aufzubauen (siehe auch Volleyballsprüche!), allerdings ist das eher nur passiv zu bewerten.

  4. Spielsysteme

    Viele Personen interpretieren T&S als reine Auslegung von Spielsystemen, was jedoch so nicht ganz richtig ist, denn in den meisten Fällen werden die bereits oben beschriebenen 3 Punkte gar nicht oder nur indirekt berücksichtigt. Die Spielsysteme sind vielmehr eine Folge von Spezialisierungen und einstudierten Handlungsabläufen und haben nicht viel mit dem individuellen Leistungsstand der Spieler zu tun, allerhöchstens mit dem Lernstand und der Vertrautheit untereinander. Alle Spielsysteme erfordern einen gewissen Grad an Abstimmung untereinander, je weiter entwickelt, desto mehr Kommunikation ist (im Vorfeld des Spieles oder einer Spielsituation) erforderlich. Spielsysteme werden immer in einer Zahlenfolge ausgedrückt oder mit einer Positionsnennung: beispielsweise „0-0-6“ oder „Läufer 2“.

    Hier eine Auflistung der Spielsysteme mit einer kurzen Beschreibung:

  5. Läufersysteme

    Läufersysteme werden nur aus 2 Gründen eingesetzt:

    1. Man hat einen spezialisierten Zuspieler/Steller, der in seinen Stellerqualitäten alle anderen weit überragt und somit als „Läufer“ eingesetzt wird.
    2. Man möchte mit 3 anstatt mit 2 Angreifern aus dem Vorderfeld angreifen. Da auch der Steller in der Aufstellung gemäß Rotationsregeln seine Position nach jedem Aufschlagswechsel tauscht, versucht man den ausgewählten Steller auf den hinteren Positionen direkt nach der Freigabe des Balles durch den Schiedsrichter mit dem Steller am Netz die Position tauschen zu lassen. Dadurch kann der Steller am Netz als zusätzlicher Angreifer fungieren.

    Läufersysteme werden je nach gerade eingesetzter Position beschrieben. Für die Vorderpositionen 2, 3 und 4 gelten die als „normal“ eingestuften Stellerpositionen. Je nach erreichter Hinterfeldposition spricht man dann auch von Läufer 1, Läufer 5 und Läufer 6. Hier eine kleine Übersicht:


    Der Wechsel der Positionen der jeweiligen Spieler von Angriff auf Abwehr nennt man „Komplex-Wechsel“. Daher gibt es auch Komplex 1 (= Von der Annahme, über das Zuspiel, den Angriff und die Angriffssicherung) und Komplex 2 (= Vom Aufschlag, über den Block und der Feldverteidigung). Die Benennungen in Komplex 1 und Komplex 2 haben sich mittlerweile im Volleyball etabliert und werden als Handlungszusammenhänge betrachtet.

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